Ein Wochenrückblick des Science Media Center, über welche Forschungsergebnisse viele Wissenschaftsjournalisten zeitnah berichten:

Genvariationen können gleichgeschlechtlichen Sex nur zum kleinen Teil erklären (Science)

Die Analyse des Erbguts von etwa 480.000 Menschen mit einer genomweite Assoziationsstudie (GWAS) hat gezeigt: Nur fünf Variationen einzelner Basenpaare des DNA-Stranges im Erbgut korrelieren signifikant damit, ob eine Person laut Selbstauskunft schon einmal gleichgeschlechtlichen Sex gehabt hat.  Eine der gefundenen Variationen könnte für den Geruchssinn und eine weitere bei Haarverlust bei Männern eine Rolle spielen. Zusammen haben alle signifikanten, single nuclear polymorphism (SNP) genannten Variationen jedoch gerade einmal ein Prozent der Unterschiede in den Daten erklärt. Damit ist es laut den Wissenschaftler*innen unter Leitung des US-amerikanischen Massachusetts General Hospital und der niederländischen Universiteit van Amsterdam nicht möglich, aus Gendaten eine Neigung zum gleichgeschlechtlichen Sex abzulesen. Interessanterweise seien zudem die gefundenen Variationen für Männer und Frauen unterschiedlich gewesen, was die Komplexität sexuellen Verhaltens zeige. Wenn man die Gesamtheit aller genetischen Variationen – also auch diejenigen, die nicht statistisch signifikant gewesen sind – zusammen analysiere, so könnten zwischen acht und 25 Prozent der Unterschiede im gemessenen Sexualverhalten damit erklärt werden. Außerdem haben die Wissenschaftler*innen unterschiedliche genetische Assoziationen für Menschen gefunden, die viel gleichgeschlechtlichen Sex gehabt hatten, im Vergleich zu denen, bei denen der Anteil an gleichgeschlechtlichem Sex eher gering gewesen ist. Daraus haben sie geschlussfolgert, dass es genetisch kein Kontinuum von hetero- zu homosexuellem Verhalten gebe, bei dem quasi ein mehr in einem bestimmten genetischen Bereich auch ein mehr an gleichgeschlechtlichem Sex bedeute. Stattdessen würden die vielen unterschiedlichen Verhaltensmuster jeweils von unterschiedlichen genetischen Variationen begleitet. Die Studie ist am 30.08.2019 im Fachblatt Science erschienen.

Mindestens neunzehn Mal ist von deutschsprachigen Medien unabhängig voneinander über die Studie berichtet worden. Dabei hat sie ein vielfältiges Echo hervorgerufen. Einige Darstellungen haben sich darauf fokussiert, dass kein einzelnes Gen für homosexuelles Verhalten gefunden worden ist. Nau.ch titelte etwa „Kein Homosexuellen-Gen“ und auch die Welt befand „Es gibt kein Homo-Gen“. Die katholische Zeitung die Tagespost leitete aus der Tatsache, dass kein einzelnes Gen für homosexuelles Verhalten gefunden worden ist, ab, dass der Katechismus mit dem religiösen Verbot der darin als unnatürlich bezeichneten Homosexualität richtig liege und bezeichnete Homosexualität indirekt als freie Willensentscheidung. Andere Artikel wie etwa bei Zeit Online titelten präziser, die Studie zeige, dass es nicht nur ein einzelnes Gen gebe, welches mit homosexuellem Verhalten assoziiert sei. Auf heise online ist außerdem die Studie sowie generell die Anwendung von GWAS zur Erklärung von komplexem Verhalten ausführlich in zwei Artikeln kritisiert worden. Und die Neue Zürcher Zeitung hat kritisiert, dass die Studie viele verschiedene sexuelle Orientierungen zusammen werfe, indem sie nur gleichgeschlechtlichen Sex untersuche. Dies erschwere die Interpretation der Daten.

Das Science Media Center Germany (SMC) hat vier unbeteiligte Expert*innen zur Studie interviewt. Drei davon sind medial vielfach zitiert worden, unter anderem vom Ärzteblatt, der dpa, dem Mitteldeutsche Rundfunk, der Süddeutschen Zeitung, dem Tagesspiegel und der Zeit. Der Experte des European Molecular Biology Laboratory war überzeugt, die Studie könne helfen, Vorurteile abzubauen. Die Studie zeige, wie gering die Erblichkeit sexueller Orientierung sei. Sie sei nicht aus den Genen ablesbar, daher könnten Menschen unterschiedlicher sexueller Orientierung ohne Angst vor Diskriminierung Genomsequenzierungen durchführen lassen. Dass die Studie die komplexe sexuelle Orientierung auf die Frage nach gleichgeschlechtlichem Sex reduziere, ist nach Ansicht des Experten der Universität Bonn ihre wesentliche Beschränkung. Dennoch sei sie ein Meilenstein und bestätige vorherige Studien darin, dass sexuelle Orientierung etwa zu einem Drittel erblich sei. Bezüglich der Kommunikation der Studienergebnisse zeigte sich der Experte der Forschungszentrum Jülich GmbH zufrieden. Die parallel zur Publikation geschaltete Website, die die Ergebnisse auch Laien erkläre, beuge der Gefahr einer Instrumentalisierung der Ergebnisse vor. Neben den vom SMC interviewten Experten hat der Tagesspiegel einen Experten der kanadischen University of Toronto zur Studie befragt. Dieser meinte, die neue Studie widerspräche nicht seiner eigenen These, wonach 15 bis 29 Prozent der homosexuellen Männer dies aufgrund einer mütterlichen Immunreaktion während der Schwangerschaft geworden seien. Schließlich haben die dpa, science.ORF.at, die Wiener Zeitung und die Zeit noch eine Expertin aus einem parallel zur Studie bei Science erschienenen Begleitkommentar zitiert. Sie betonte, Homosexualität mit Genetik in Verbindung zu bringen, könne Bürgerrechte stärken und Stigmen reduzieren. Da weniger als ein Prozent des Sexualverhaltens mit den gefundenen Markern vorhergesagt werden könne, sie ausgeschlossen, dass die Ergebnisse für Interventionen oder Vorhersagen genützt würden.

Steckbrief

Journal: Science

Pressemitteilungen: Ja (von der Fachzeitschrift)

Aufgegriffen von:

  • dpa: Focus Online (29.08.2019), Redaktionsnetzwerk Deutschland [Hannoversche Allgemeine Zeitung (30.08.2019), Kieler Nachrichten (30.08.2019)]
  • Neue Zürcher Zeitung Online (29.08.2019)
  • science.ORF.at (29.08.2019)
  • Standard Online (29.08.2019)
  • Süddeutsche Zeitung Online (29.08.2019)
  • Tagesspiegel Online (29.08.2019)
  • Wiener Zeitung Online (29.08.2019)
  • Wissenschaft.de (29.08.2019)
  • Zeit Online (29.08.2019)
  • aerzteblatt.de (30.08.2019)
  • Deutschlandfunk Forschung Aktuell (30.08.2019)
  • heise online (30.08.2019)
  • MDR (30.08.2019)
  • Welt online (31.08.2019)
  • Badische Zeitung Online (02.09.2019)
  • Nau.ch (03.09.2019)
  • Spektrum.de Scilogs (03.09.2019)
  • Die Tagespost Online (05.09.2019)
  • heise online (14.09.2019)

 

Intervallfasten für sechs Monate führt ohne Nebenwirkungen zu Gewichtsverlust und verbesserten Gesundheitswerten (Cell Metabolism)

Sowohl innerhalb von vier Wochen als auch sechs Monaten hat Intervallfasten bei gesunden, normalgewichtigen Menschen keine negativen Nebenwirkungen auf das Immunsystem oder die Knochen gezeigt. Stattdessen haben sich kardiovaskuläre Werte sowie Biomarker, die mit einem langen Leben assoziiert sind, signifikant verbessert. Außerdem haben die Proband*innen an Gewicht verloren: Während des vierwöchigen Fastens haben sie es im Schnitt um 3,5 Kilogramm verringert und 37,4 Prozent weniger Kalorien zu sich genommen. In einer Kontrollgruppe, die sich während der vier Wochen normal ernährt hat, ist die Kalorienzufuhr um 8,2 Prozent und das mittlere Gewicht um 0,2 Kilogramm zurückgegangen. Beide Gruppen sind für das vierwöchige Fasten randomisiert zugeteilt worden, in jeder Gruppe befanden sich 30 Personen. Bevor diese Proband*innen, die allesamt zuvor noch nicht gefastet hatten, in die zwei Gruppen geteilt worden waren, sind sie außerdem mit einer dritten Gruppe von ebenfalls 30 Personen verglichen worden. Diese hatte zuvor ein halbes Jahr lang Intervallfasten praktiziert. Durchschnittlich hatten die Fastenden in diesem Vergleich 28,6 Prozent weniger Kalorien zu sich genommen. Die Studie der Wissenschaftler*innen der Universität Graz ist am 27.08.2019 im Fachblatt Cell Metabolism veröffentlicht worden. Sie haben sich darin ausschließlich auf eine Form des Intervallfastens konzentriert, bei der jeweils 12 Stunden gegessen werden darf und 36 Stunden Pause gemacht wird. Ihre Ergebnisse stimmen die Forscher*innen optimistisch: Zwar sei in der Studie kein Vergleich mit anderen Formen des Fastens vorgenommen worden und in vergangenen Studien sind negative Effekte erst nach einem Jahr erkenntlich geworden. Dennoch könne Intervallfasten klinisch relevant werden. Allerdings sollten es selbst Gesunde nicht ohne ärztliche Begleitung ausprobieren, um Gesundheitsgefahren auszuschließen.

Mindestens 24 Mal ist von deutschsprachigen Medien unabhängig voneinander über die Publikation berichtet worden. Einige Artikel, etwa bei Elle, Forschung-und-Wissen.de, Heute.at, Nau.ch, n-tv.de und der Pharmazeutischen Zeitung haben die Studienergebnisse als Beleg für die Wirksamkeit des Intervallfastens dargestellt. Allerdings sind mehrheitlich die Methodik und die Resultate der Studie kritisiert worden. Das Science Media Center Germany (SMC) hat drei an der Studie unbeteiligte Experten befragt, die allesamt vielfach medial wiedergegeben worden sind. So haben Ärzteblatt, Ärzte Zeitung, Bayerischer Rundfunk, Frankfurter Rundschau, Kreiszeitung.de, MDR, science.ORF.at, Spiegel, Standard, Stern, Süddeutsche Zeitung, Tagesspiegel und Wissenschaft.de aus den SMC-Statements zitiert. Alle drei vom SMC befragten Experten kritisierten die Studie und hielten die gewonnenen Erkenntnisse für wenig überraschend. Insbesondere sei die Kontrollgruppe im randomisierten, vierwöchigen Teil der Studie schlecht gewählt. Da lediglich mit gar nicht fastenden Personen verglichen worden sei, seien keine Aussagen darüber möglich, inwiefern Intervallfasten anderen Abnehm-Methoden überlegen sei. Außerdem wies der Experte des Deutschen Krebsforschungszentrums darauf hin, dass weiterhin unklar sei, wie viel Gewicht durch den Jojo-Effekt nach dem Fasten wiedergewonnen werde. Es gebe auch nicht genügend Studien, um Intervallfasten therapeutisch einzusetzen. Der Experte der Universität Wien wies darauf hin, dass der richtige Ansatz, um Kalorien zu reduzieren, individuell verschieden sei und mit ärztlichem Fachpersonal besprochen werden sollte. Am kritischsten äußerte sich der Experte des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung. Ihm zufolge gibt es auch weiterhin keine wissenschaftliche Grundlage, Intervallfasten zu empfehlen.

Neben den SMC-Statements ist vom Tagesspiegel auch die Meinung einer weiteren unbeteiligten Expertin des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung für den Artikel verwendet worden. Sie äußerte sich positiver und bezeichnete es als Verdienst der Studie, die Sicherheit dieser Art des Intervallfastens bewiesen zu haben.  Schließlich hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ) einen Mediziner des Immanuel-Krankenhauses in Berlin zitiert. Das Studienergebnis sei nicht erstaunlich. Vielen Menschen falle es aber sehr schwer, so lange auf Nahrung zu verzichten. In der FAZ stellte zudem ein Experte des Helmholtz Zentrums München fest, dass sich eine auf sechs bis acht Stunden begrenzte Nahrungsaufnahme auf Stoffwechselvorgänge noch günstiger auswirke, als andere Arten von Kalorienreduktion.

Steckbrief

Journal: Cell Metabolism

Pressemitteilungen: Ja (vom Forschungsinstitut)

Aufgegriffen von:

  • Ärzte Zeitung (27.08.2019)
  • Neue Zürcher Zeitung Online (27.08.2019)
  • science.ORF.at (27.08.2019)
  • Spiegel Online (27.08.2019)
  • Stern Online (27.08.2019)
  • Tagesspiegel Online (27.08.2019)
  • Wissenschaft.de (27.08.2019)
  • aerzteblatt.de (28.08.2019)
  • BR.de (28.08.2019)
  • Forschung-und-Wissen.de (28.08.2019)
  • Frankfurter Rundschau Online (28.08.2019)
  • Kreiszeitung.de (28.08.2019)
  • MDR (28.08.2019)
  • Pharmazeutische Zeitung Online (28.08.2019)
  • Süddeutsche Zeitung Online (28.08.2019)
  • Business Insider Deutschland (29.08.2019)
  • Nau.ch (29.08.2019)
  • n-tv.de (29.08.2019)
  • Heute.at (30.08.2019)
  • inFranken.de (31.08.2019)
  • Standard Online (31.08.2019)
  • Welt (02.09.2019)
  • Elle Online (04.09.2019)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (11.09.2019)

Hormontherapie in den Wechseljahren erhöht Brustkrebs-Risiko stark und über viele Jahre (The Lancet)

Eine Metaanalyse von 58 Studien mit Daten von insgesamt fast 600 000 Frauen hat ergeben, dass Hormontherapien in den Wechseljahren das Brustkrebsrisiko deutlich und statistisch signifikant erhöhen – und zwar noch bis zu zehn Jahre nach Ende der Therapie. Dabei hat das Team von Wissenschaftler*innen unter Leitung der Universität Oxford außerdem deutliche Unterschiede bezüglich der Dauer und Art der Therapie gefunden. Haben die Frauen die Kombinationstherapie aus Östrogenen und täglicher Gestagentherapie für fünf Jahre bekommen, so haben sie ein um zwei Prozentpunkte erhöhtes Risiko für Brustkrebs innerhalb der 20 Jahre nach Beginn der Therapie gehabt. Im Falle einer reinen Östrogentherapie hat sich das Risiko dagegen lediglich um 0,5 Prozentpunkte erhöht. Sind die Frauen zehn Jahre lang therapiert worden, so sind die Risiken jeweils doppelt so stark angestiegen. Dagegen haben sich bei Anwendungen von unter einem Jahr kaum Risiken ergeben. Von allen seit 1990 in westlichen Ländern diagnostizierten Brustkrebs-Fällen seien den gefundenen Risiken nach zu urteilen etwa eine Millionen durch Hormontherapien verursacht worden, so die Wissenschaftler*innen. Ihre Studie ist am 29.08.2019 im Fachjournal The Lancet veröffentlicht worden.

Mindestens sechs Mal ist von deutschsprachigen Medien unabhängig voneinander über die Studie berichtet worden. Die dpa und der Standard haben dabei aus einem parallel zur Studie veröffentlichten Begleitkommentar einen unbeteiligten Experten des kanadischen Women’s College Hospital in Toronto zitiert. Er meinte, die Studie solle berücksichtigt werden, aber es müssten generell vernünftig Vor- und Nachteile der Therapie in jedem Einzelfall abgewogen werden. Außerdem ist von der dpa sowie dem Bayerischen Rundfunk die Einschätzung eines Experten der Universitätsklinik Regensburg wiedergegeben worden. Demnach sei insbesondere die Erkenntnis neu, dass auch nach der Therapie noch für zehn Jahre erhöhte Brustkrebs-Risiken bestünden. Es sei wichtig, regelmäßig zu überprüfen, ob man die Therapie noch brauche. Man solle nicht aufgrund der Studienergebnisse in Panik verfallen, sondern mit seinem Arzt sprechen. Schließlich ist noch eine Expertin des Klinikums rechts der Isar, dem Universitätsklinikum der Technischen Universität München vom Deutschlandfunk zur Studie interviewt und im Bayerischen Rundfunk zitiert worden. Sie wies darauf hin, dass das Brustkrebs-Risiko generell schon bekannt gewesen sei. Neu sei, dass auch mit reinen Östrogenpräparaten ein erhöhtes Risiko bestünde und dass junge Frauen höhere Risiken hätten als ältere. Die Empfehlungspraxis werde sich aufgrund der Studie aber nicht ändern. Generell sei es wichtig, die Hormontherapie so kurz wie möglich zu halten.

Steckbrief

Journal: The Lancet

Pressemitteilungen: Ja (von der Fachzeitschrift)

Aufgegriffen von:

  • BR.de (30.08.2019)
  • dpa: Spiegel Online (30.08.2019), Welt Online (30.08.2019), Zeit Online (30.08.2019), Hamburger Abendblatt (31.08.2019), Neue Zürcher Zeitung (31.08.2019), Stuttgarter Zeitung (31.08.2019), Süddeutsche Zeitung (02.09.2019), Tagesspiegel (02.09.2019) äquivalent APA: Wiener Zeitung (30.08.2019)
  • Standard Online (30.08.2019)
  • Forschung-und-Wissen.de (30.08.2019)
  • Deutschlandfunk Forschung Aktuell (02.09.2019)
  • SWR2 (02.09.2019)

Titan in Tattootinte könnte via Abrieb zu Kontaktallergien führen (Particle and Fibre Toxicology)

Befindet sich Titandioxid in der verwendeten Farbe, so löst dieses während des Tätowierens vermehrt Metallteilchen aus Nickel, Chrom und Eisen von der Tätowiernadel ab. Diese Teilchen werden dann in die Lymphknoten transportiert. Nickel und Chrom könnten als bekannte Allergene Kontaktallergien verursachen. Ob die Partikel aus Eisen, Chrom und Nickel tatsächlich Allergien auslösen, ist noch unklar. Dies ist das Ergebnis einer Studie, die ein internationales Team von Wissenschaftler*innen unter Leitung der Bundesanstalt für Risikobewertung am 27.08.2019 im Fachblatt Particle and Fibre Toxicology veröffentlicht haben. Sie hatten die Haut von Toten analysiert, die tätowiert worden waren. Dabei haben sie die Metallpartikel entdeckt. Zugleich kamen in 50 untersuchten Farben keine solchen Metalle vor. Um ihre Hypothese zu überprüfen, wonach die Partikel aus der Nadel stammten, haben die Wissenschaftler*innen Schweinehaut mit und ohne Titandioxid tätowiert. Das Ergebnis: Mit Titan haben sich deutlich mehr Metallpartikel in den Lymphknoten finden lassen. Auch die Nadel ist stärker abgenutzt gewesen. Den Forscher*innen zufolge ist erstmals überhaupt erforscht worden, welchen Einfluss Partikel aus der Tätowiernadel haben könnten.

Mindestens fünf Mal haben deutschsprachige Medien unabhängig voneinander über die Studie berichtet. Dabei sind keinerlei unbeteiligte Expert*innen zu Wort gekommen. Jedoch befragte die Zeit eine Studienautorin zu den Ergebnissen. Sie wies darauf hin, dass trotz ihrer Ergebnisse toxische Inhaltsstoffe in den Farben weiterhin das Hauptproblem seien.

Steckbrief

Journal: Particle and Fibre Toxicology

Pressemitteilungen: Ja (vom Forschungsinstitut)

Aufgegriffen von:

  • dpa (27.08.2019): Berlinger Morgenpost (27.08.2019), Süddeutsche Zeitung (27.08.2019), Westfalenpost (27.08.2019), Berliner Zeitung (28.08.2019), Nürnberger Nachrichten (28.08.2019), Stern (28.08.2019)
  • Spektrum.de (27.08.2019)
  • Zeit Online (27.08.2019)
  • aerzteblatt.de (28.08.2019)
  • scinexx.de (28.08.2019)

Optimismus ist mit einer längeren Lebenserwartung assoziiert (Proceedings of the National Academy of Sciences)

Verglichen mit Pessimist*innen haben optimistische Menschen eine signifikant erhöhte Lebenserwartung und erreichen ebenfalls signifikant mit um 50 bis 70 Prozent höherer Wahrscheinlichkeit ein Alter von mindestens 85 Jahren. Dies ist das Ergebnis der Analyse zweier unterschiedlicher Datenreihen von einer Gruppe von etwa 69 744 Frauen und einer Gruppe von etwa 1429 Männern. Mit einem Fragebogen ist dabei das Level an Optimismus erhoben worden. Optimismus war dabei als die generelle Erwartung, dass die Zukunft gut und durch die betroffene Person in wichtigen Punkten kontrollierbar sein wird, definiert worden. Die Frauen sind über 10, die Männer über 30 Jahre begleitet worden. Selbst, wenn für die Gesundheit positive Verhaltensweisen– die ihrerseits eventuell eine Folge des Optimismus sein könnten – herausgerechnet werden, ergibt sich für die Frauengruppe eine 8,7 Prozent und die Männergruppe eine 9,8 Prozent höhere Lebenserwartung für Optimist*innen. Die Studie von Wissenschaftler*innen der Boston University und der Harvard University ist am 26.08.2019 im Fachblatt PNAS veröffentlicht worden. Obgleich die Daten der Studie vor allem von älteren Weißen aus höheren sozioökonomischen Schichten stammen, halten die Forscher*innen es aufgrund anderer Studien für plausibel, dass ähnliche Assoziationen sich auch in anderen Teilen der Gesellschaft finden. Warum genau Optimismus auch unabhängig von gesundheitsförderndem Verhalten lebensverlängernd ist, hat die Studie nicht zeigen können.

Mindestens neun Mal haben deutschsprachige Medien über die Publikation berichtet. Besonders ausführlich ist die Studie im Tagesspiegel diskutiert worden. Dabei sind zwei unbeteiligte Experten zitiert worden. Dem Experten der Universität Bremen zufolge fügen sich die Resultate gut in die bisherige Studienlage ein. Allerdings meinte er, es wäre hilfreich gewesen, wenn der Faktor Optimismus mit anderen Variablen wie Bildung oder Einkommen verglichen worden wäre. Zudem sei Optimismus in der Studie als relativ stabile Charaktereigenschaft definiert worden. Demnach hätten Menschen, die nicht optimistisch seien wenig Chancen auf Veränderung. Ähnliche Kritik brachte auch der Experte der Universität Erlangen-Nürnberg an. Menschen, die einfach positive Erwartungen hätten, aber die Zukunft optimistisch überschätzten, lebten Studien zufolge sogar kürzer. Wirkliche Optimisten zeichneten sich durch pessimistisch-realistische Einschätzungen aus, bei denen sie weniger Enttäuschungen erführen. Im Gegensatz zu Optimismus im Sinne eines generellen positiven Denkens könnten realistische Erfahrungen zudem antrainiert werden.

Steckbrief

Journal: PNAS

Pressemitteilungen: Ja (von der Fachzeitschrift, vom Forschungsinstitut)

Aufgegriffen von:

  • dpa (26.08.2019): Neue Zürcher Zeitung Online (26.08.2019), aerzteblatt.de (27.08.2019), Frankfurter Allgemeine Zeitung (27.08.2019), Freies Wort (27.08.2019), Nürnberger Zeitung (27.08.2019), Redaktionsnetzwerk Deutschland [Kieler Nachrichten (27.08.2019)], Spiegel Online (27.08.2019), Standard Online (27.08.2019), Stern (27.08.2019), Welt (27.08.2019) äquivalent APA: Wiener Zeitung (27.08.2019)
  • Brigitte Online (27.08.2019)
  • Forschung-und-Wissen.de (27.08.2019)
  • scinexx.de (27.08.2019)
  • Tagesspiegel Online (27.08.2019)
  • ze.tt (27.08.2019)
  • Badische Zeitung Online (28.08.2019)
  • Bild der Frau Online (29.08.2019)
  • Elle Online (01.09.2019)

Hirnwellen im Organoid gemessen (Cell Stem Cell)

Gehirn-Organoide in der Petrischale haben erstmals komplexe neuronale Netzwerkaktivität gezeigt. Zuvor hatten Wissenschaftler*innen der University of California, San Diego, die Organoide aus pluripotenten Stammzellen für etwa zehn Monate reifen lassen. Dabei haben die mittels Elektroenzephalogramm gemessenen Hirnwellen an Häufigkeit zugenommen. Am Ende hat das Organoid eine bisher unerreichte Vielfalt an Zellen gebildet. Außerdem hat ein Algorithmus, der anhand von Hirnwellen das Alter von Frühgeborenen bestimmten konnte, auch das Alter der Organoide korrekt einschätzen können. Dies deuten die Wissenschaftler*innen als Hinweis darauf, dass sich die Organoide in gewisser Weise ähnlich entwickeln wie echte Gehirne. Allerdings haben sie auch darauf hingewiesen, dass die Organoide noch viel zu rudimentär seien, um mit echten Gehirnen vergleichbar zu sein. Sie könnten kein Bewusstsein entwickeln oder Forschung an echtem Hirngewebe ersetzen. Ihre Arbeit ist am 29.08.2019 im Fachblatt Cell Stem Cell publiziert worden.

Mindestens sechs Mal ist von deutschsprachigen Medien unabhängig voneinander über die Studie berichtet worden. Die dpa sowie die Süddeutsche Zeitung haben zwei an der Studie unbeteiligte Experten zitiert. Technisch sei die Arbeit zwar gut gemacht und die Forschung an Gehirn-Organoiden biete große Chancen, so der Experte des Universitätsklinikums Bonn. Der Vergleich mit der neuronalen Aktivität eines menschlichen Gehirns sei aber nicht korrekt. Es gebe wichtige Unterschiede, deshalb sollte man mit solchen Aussagen sehr vorsichtig sein. Ähnlich äußerte sich der Experte des Instituts für Molekulare Biotechnologie in Wien. Die Interpretation der Hirnströme gehe zu weit. Dennoch gelte, dass Organoide bessere Forschungsmodelle seien als Mäuse.

Steckbrief

Journal: Cell Stem Cell

Pressemitteilungen: Ja (von der Fachzeitschrift, vom Forschungsinstitut)

Aufgegriffen von:

  • dpa: Ärzte Zeitung (29.08.2019), Focus Online (29.08.2019), Hamburger Abendblatt (30.08.2019), Neue Zürcher Zeitung Online (29.08.2019), Redaktionsnetzwerk Deutschland [Kieler Nachrichten (29.08.2019)], science.ORF.at (29.08.2019), Standard Online (29.08.2019), Stern Online (29.08.2019), Tagesspiegel Online (29.08.2019), Spiegel Online (30.08.2019)
  • Spektrum.de (29.08.2019)
  • Süddeutsche Zeitung Online (29.08.2019)
  • aerzteblatt.de (30.08.2019)
  • Wissenschaft.de (30.08.2019)
  • Forschung-und-Wissen.de (01.09.2019)

Klimawandel hat Hochwasser in Europa regional unterschiedlich verändert (Nature)

Je nach Region hat der Klimawandel von 1960 bis 2010 in Europa zu signifikant mehr oder weniger Hochwasser geführt. Die Spannweite der regionalen Veränderungen hat dabei von plus 11,4 Prozent bis minus 23,1 Prozent gelegen. Dies hat die erstmalige Auswertung von europaweiten Messungen der Wasser-Durchflüsse aus 3738 Stationen ergeben. Einbezogen worden sind jeweils die Höchstwerte jeden Jahres. Während Hochwasser in Nordwesteuropa zugenommen haben, sind sie in Süd- und Osteuropa weniger geworden.  Die Ursachen liegen in Trends des Niederschlags und der Temperatur. So haben höhere Temperaturen in Osteuropa den Schneefall verringert. Für Süd- und Nordwesteuropa dagegen ist besonders relevant, dass sich Tiefdrucksysteme aufgrund einer Ausweitung der Hadley-Zelle durch den Klimawandel nördlicher bewegen. Also trifft der Niederschlag seltener den Süden und öfter den Norden. Die Studie des internationalen Teams von Wissenschaftler*innen unter Leitung der Technischen Universität Wien ist am 28.08.2019 im Fachblatt Nature publiziert worden. Die Wissenschaftler*innen haben betont, dass sie nur Hochwasser in mittleren und großen Flüssen erfasst haben. Sturzfluten würden vermutlich überall zunehmen. Sie forderten in ihrer Publikation dazu auf, die neuen Erkenntnisse für den Hochwasserschutz ernst zu nehmen. Vermutlich würden sich die Trends in den nächsten Jahrzehnten fortsetzen.

Mindestens neun Mal ist von deutschsprachigen Medien unabhängig voneinander über die Studie berichtet worden. Einhelliges Fazit: Es ist nun erstmals sicher anhand von Messungen belegt, wie der Klimawandel Hochwasser in Europa verändert. Auch die Studienautoren sind medial zu Wort gekommen. Ein Autor ist von der Frankfurter Allgemeine Zeitung, ein weiterer vom Deutschlandfunk interviewt worden. Unbeteiligte Expert*innen sind nicht zitiert worden.

Steckbrief

Journal: Nature

Pressemitteilungen: Ja (vom Forschungsinstitut, vom weiteren Forschungsinstitut)

Aufgegriffen von:

  • APA: Standard Online (28.08.2019)
  • Die Presse Online (28.09.2019)
  • dpa: n-tv.de (28.08.2019), tagesschau.de (28.08.2019), Zeit Online (28.08.2019), Berliner Zeitung (29.08.2019), Focus Online (29.08.2019), Handelsblatt Online (29.08.2019), Stern Online (29.08.2019) Süddeutsche Zeitung Online (29.08.2019), Frankfurter Rundschau (30.08.2019)
  • Wissenschaft.de (28.08.2019)
  • Deutschlandfunk Forschung Aktuell (29.08.2019)
  • Forschung-und-Wissen.de (29.08.2019)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung Online (29.08.2019)
  • Tagesspiegel Online (29.08.2019)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung (07.09.2019)

 

Protokoll: Hendrik Boldt

* Die Vorhersage der Auswahl von Themen seitens der Journalisten gleicht dem täglichen Blick in die Glaskugel. Haben Journalisten das entsprechende Fachjournal auf dem Schirm? Werden sie das Thema aufgreifen und berichten? Wenn ja: mit welchem Dreh? Wenn nein: Kann es sein, dass wichtige entscheidungsrelevante Forschungsergebnisse, über die berichtet werden sollte, übersehen werden? Im Science Media Newsreel dokumentiert das Team des SMC einmal pro Woche rückblickend die kongruenten Wissenschaftsthemen, die aus namentlich genannten Fachzeitschriften in Presseerzeugnissen und Internetangeboten aufgegriffen wurden. Erwähnt werden nur solche Themen, die bei unserem zugegeben unvollständigen Monitoring in mehr als fünf unterschiedlichen Redaktionen mit textlich nicht identischen Berichten aufgegriffen wurden.