Ein Wochenrückblick des Science Media Center, über welche Forschungsergebnisse viele Wissenschaftsjournalisten zeitnah berichten:

Eine kurze Vorbemerkung: Das Newsreel hat Anfang Oktober eine Woche pausiert – weil in der Woche vom 12.11. bis 18.11.2018 über keine Wissenschaftspublikation so oft berichtet wurde, dass es unsere Kriterien für das Newsreel erfüllt hätte. Mehr dazu, wann wir einen Fachartikel und die entsprechende mediale Berichterstattung hier besprechen, finden Sie in der Fußnote unten.

Weltweit einmaliges Flugzeug mit Ionenwind-Antrieb besteht erste Flugtests (Nature)

Leise dahingleitend hat der Prototyp eines mit Ionenwind beschleunigenden Flugzeuges in Tests in einer Sporthalle 50 Meter zurückgelegt. Bislang hatte man es nicht für möglich gehalten, mit dieser Technik ein Flugzeug anzutreiben. Die Wissenschaftler*innen des Massachusetts Institute of Technology haben ihren Machbarkeitsbeweis am 21.11.2018 im Fachblatt Nature veröffentlicht. Im Gegensatz zu herkömmlichen Flugzeugen funktioniert ihr Modell ganz ohne bewegliche Teile wie beispielsweise Propeller. Stattdessen wird mit einem stark positiv geladenen Draht vorne unter dem Flügel ein elektrisches Feld erzeugt, welches Stickstoffmoleküle von ihren Elektronen trennt, also ionisiert. Die Moleküle haben danach ihrerseits eine positive Ladung. Hinten unter dem Flügel befinden sich negativ geladene Bauteile, die die Moleküle anziehen. Auf ihrem Weg dorthin stoßen die positiven Moleküle mit neutralen Luftmolekülen zusammen und beschleunigen diese. So entsteht eine Luftströmung im elektrischen Feld unter dem Flügel zwischen dem positiven Draht und den negativen Bauteilen. Dieser Ionenwind verleiht dem Flugzeug Antrieb. Allerdings bereiten im Vergleich zu herkömmlichen Antrieben der geringe Schub von 3,2 Newton und die schlechte Effizienz Probleme. Aufgrund des geringen Schubes kann der Prototyp – bei einer Flügelspannweite von fünf Metern – nur 2,5 Kilogramm wiegen und muss ohne Pilot*in auskommen. Und wegen der niedrigen Effizienz werden lediglich 2,6 Prozent der elektrischen Energie in Schub umgesetzt. Dabei haben die Wissenschaftler*innen den Flieger schon so weit optimiert, wie momentan möglich. Somit scheint es zur Zeit nicht umsetzbar, schwere Flugzeuge mit Ionenwind fliegen zu lassen. Nach Berechnungen der Wissenschaftler*innen wäre bei höheren Fluggeschwindigkeiten jedoch immerhin die Effizienz deutlich besser. Bei 1000 Kilometern pro Stunde könnten beispielsweise 50 Prozent der Energie in Vorschub umgemünzt werden. Zudem hat der Ionen-Antrieb auch seine Vorteile. So stößt er keine Verbrennungsabgase aus und macht keinen Lärm. Deshalb könnte er aus Sicht der Wissenschaftler*innen in leichteren Flugobjekten wie Drohnen genutzt werden, um deren Lärmverschmutzung verringern.

Mindestens elf deutschsprachige Medien haben unabhängig voneinander über die Studie berichtet. In der dpa-Meldung, bei Spektrum.de und bei der Süddeutschen Zeitung Online ist aus einem begleitenden Artikel, der ebenfalls am 21.11.2018 im Fachblatt Nature erschienen ist, ein unbeteiligter Experte der französischen Université de Toulouse zur Studie zitiert worden. Außerdem sind bei Spektrum.de ein Experte des US-amerikanischen Georgia Institute of Technology und ein Experte der ebenfalls US-amerikanischen University of Michigan zitiert worden. Und die Berliner Zeitung hat einen Experten der Technischen Universität Berlin zur Studie interviewt. Die unbeteiligten Experten haben den Prototypen zwar als Durchbruch bewertet, da er zeige, dass Flugobjekte sich mit Ionenwind betreiben ließen. Jedoch sähen sie zunächst kaum Möglichkeiten der kommerziellen Nutzung. Ionenwind-Antriebe sind ihrer Meinung nach vor allem für kleine und leichte Drohnen umsetzbar und sinnvoll. Am skeptischsten von allen Beiträgen hat die Frankfurter Allgemeine Zeitung zum neuen Antrieb berichtet. Sie hat mahnend darauf hingewiesen, dass schon in den 60er bis 90er Jahren Versuche mit ähnlichen Antrieben für Schiffe an der geringen Leistung und der immensen nötigen elektrischen Spannung gescheitert sind.

Steckbrief

Journal: Nature

Pressemitteilungen: Ja (vom Forschungsinstitut)

Aufgegriffen von:

  • dpa (21.11.2018): ntv.de (21.11.2018), Spiegel Online (22.11.2018), Tagesspiegel (22.11.2018)
  • DerStandard online (21.11.2018)
  • Frankfurter Allgemeine Zeitung Online (21.11.2018)
  • science.ORF.at (21.11.2018)
  • Süddeutsche Zeitung Online (21.11.2018)
  • Berliner Zeitung (22.11.2018)
  • Neue Zürcher Zeitung Online (22.11.2018)
  • scinexx.de (22.11.2018)
  • Spektrum online (22.11.2018)
  • Spiegel Plus (22.11.2018)
  • Deutschlandfunk (23.11.2018)

 

 

*Protokoll: Hendrik Boldt

 

*Die Vorhersage der Auswahl von Themen seitens der Journalisten gleicht dem täglichen Blick in die Glaskugel. Haben Journalisten das entsprechende Fachjournal auf dem Schirm? Werden sie das Thema aufgreifen und berichten? Wenn ja: mit welchem Dreh? Wenn nein: Kann es sein, dass wichtige entscheidungsrelevante Forschungsergebnisse, über die berichtet werden sollte, übersehen werden? Im Science Media Newsreel dokumentiert das Team des SMC einmal pro Woche rückblickend die kongruenten Wissenschaftsthemen, die aus namentlich genannten Fachzeitschriften in Presseerzeugnissen und Internetangeboten aufgegriffen wurden. Erwähnt werden nur solche Themen, die bei unserem zugegeben unvollständigen Monitoring in mehr als fünf unterschiedlichen Redaktionen mit textlich nicht identischen Berichten aufgegriffen wurden.