Letztes Jahr gingen weltweit hunderttausende Menschen für die Wissenschaft auf die Straße. Während der Antrieb hinter den Demonstrationen teils abgenommen und in manchen Ländern ganz verschwunden ist, wurden andernorts aus dem „March for Science“ nachhaltige Initiativen. Ein Update, was dieses Jahr passiert. Von Hinnerk Feldwisch-Drentrup

Trump war im vergangenen Jahr für zehntausende Menschen der wohl wichtigste Anlass, in weltweit hunderten „Märschen“ der Wissenschaft Unterstützung auszusprechen. Schnell wurde klar, dass es nicht bei einer einmaligen Aktion bleiben sollte. Doch kann es gelingen, auch ohne die polarisierende Regierungsbildung in den USA das Momentum zu erhalten – und warum sollte man dies tun? Meta hat sich umgehört.

Demonstranten trotzen 2017 vielerorts dem Regen – und setzten an mehr als 600 Orten Zeichen, wie hier in Washington. (Foto: Becker1999 / Wikipedia, CC BY 2.0

Demonstranten trotzen 2017 vielerorts dem Regen – und setzten an mehr als 600 Orten Zeichen, wie hier in Washington. (Foto: Becker1999 / Wikipedia, CC BY 2.0)

Während in den USA mehr als 200 Veranstaltungen geplant sind, wird es in Europa bei einigen Dutzend bleiben. In vielen Hauptstädten wird es gar keine Märsche geben. So in Paris, wo zuvor gleichfalls einige tausend Unterstützer auch angesichts der anstehenden Wahl auf die Straße gingen. In London dagegen erwarten die Organisatoren statt vieler tausend Teilnehmer nur noch einige hundert, unter anderem da das Thema Brexit nicht mehr derart akut ist.

Köln, Bonn, Dresden, Göttingen: In diesem Jahr wieder ein Science March

In Köln fühlen sich die Organisatoren – darunter ein Bühnentechniker und eine Rechtsanwältin – hingegen gut durch die Unis unterstützt. Sie haben absichtlich auf weniger Grußworte und Formalia gesetzt. Auch um im städtischen Bereich sichtbarer zu sein, wird es anders als im Vorjahr in Bonn nun einen Demonstrationszug von der Domplatte zum Rudolfplatz geben, wo beispielsweise die Wissenschaftsministerin Isabel Pfeiffer-Poensgen spricht.

In Dresden wird der recht erfolgreiche Marsch vom Vorjahr wiederholt, gleichfalls mit der zuständigen Landesministerin. In beiden Städten gab lief es mit Organisation sehr gut, das Dresdner Team wuchs sogar von zehn auf 15 Personen. „Wir haben einen Monat früher angefangen und mehr Leute an Bord“, sagt Organisator Michael Kobel. „Daher ist es nun weniger Aufwand.“

Während im Vorjahr Tübingen und Freiburg recht aktiv waren, müssen dortige Unterstützer in diesem Jahr nach Frankfurt oder Stuttgart fahren. In der Baden-Württembergischen Hauptstadt plant Organisatorin Lisa Röthinger, einen Fokus auf die Finanzierung und Unabhängigkeit von Forschung zu legen, der für das Vertrauen in die Wissenschaft entscheidend sei. „Ich sehe die Demokratie ganz ernsthaft in Gefahr und habe hier endlich Mal eine Chance, selbst ein kleines bisschen aktiv zu werden und Menschen davon zu überzeugen, dass wir evidenzbasierte Grundlagenentscheidungen brauchen“, erklärt sie. Organisatorisch vertraut ihr Team auf das bisherige Format und bestehende Kontakte, was auch die Vorbereitung stark vereinfache.

Berlin: Kieznerds laden in die Kneipen

Während in Berlin im Vorjahr mehr als 10.000 Menschen auf die Straßen gingen, haben sich die Organisatoren zu einem radikalen Schnitt entschieden. Da eine Demonstration aufgrund des Vorjahreserfolges nur ein „Abklatsch“ werden könnte – und dies der Sache nicht unbedingt dienlich sei – sei es schon kurz nach dem letzten Marsch einhellige Meinung gewesen, dass man die letzte „Aufrüttelaktion“ nicht wiederholen kann, sagt Organisatorin Susann Morgner. Das Team will die Kritik aufgreifen, dass Wissenschaftler zu wenig zuhören, was ihre Nachbarn zu sagen haben – und lädt beide ein, sich in Kneipen zu treffen. „Gemeinsam retten wir die Welt“ ist das Motto der Aktion „Kieznerds“, wie die diesjährige Aktion getauft wurde. Unklar sei lange gewesen, ob eine kritische Masse von Events stattfinden können – für die meisten Forscher seien derartige Formate Neuland. „Da stehen jetzt die Wissenschaftler nicht Schlange“, sagt Morgner – doch immerhin gut 20 sind dabei.

Die neue Chefin des in Bonn und Berlin ansässigen Bundesforschungsministeriums, Anja Karliczek, wird offenbar wie schon ihre Vorgängerin Johanna Wanka nicht am March teilnehmen: Es seien keine öffentlichen Termine der Ministerin bekanntgegeben worden, erklärt ihre Sprecherin.

Vielerorts gesichert: Finanzielle Unterstützung

Zur Vernetzung und auch finanziellen Unterstützung der lokalen Aktivitäten wurde nach dem letztjährigen Event der „March for Science e.V.“ gegründet. „Falls ein Team seine Veranstaltung nicht finanzieren kann, übernehmen wir (der Verein) den Fehlbetrag, so dass niemand draufzahlen muss“, erklärt Vorsitzender Claus Martin. Nachdem 2017 eine Crowdfunding-Kampagne gut 17.600 Euro eingebracht hatte https://www.startnext.com/marchforscience, sind es in diesem Jahr bislang gut 10.000 Euro von institutionellen Spendern wie der Volkswagen-Stiftung, der Giordano-Bruno Stiftung und der Klaus Tschira Stiftung. Den Bedarf für 2018 schätzt Martin auf rund 15.000 Euro. „Die Finanzierung aller Aktionen im Umfeld des 14. April ist momentan gedeckt“, sagt er. „Wir bemühen uns aber natürlich, weitere Mittel zu akquirieren, um manövrierfähig zu bleiben.“

In den USA sind sogar zehn Stellen für die Organisation und Koordination geschaffen worden – finanziert unter anderem durch den Wissenschafts-Dachverband „American Association for the Advancement of Science“ http://www.sciencemag.org/news/2018/04/2018-march-science-will-be-far-more-street-protests. Auch in anderen Ländern professionalisieren sich die Organisatoren – wie in Schweden, wo es in Städten wie Stockholm, Luleå und Lund Aktionen gibt. Diese sind gleichzeitig Auftakt einer Kampagne „Woher weißt Du das?“, die die gemeinnützige Stiftung „Vetenskap & Allmänhet“ mit Unterstützung von knapp 70 anderen Organisationen organisiert.

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Auch am anderen Ende Europas werden am Samstag neue Veranstaltungsformat ausprobiert: Beim Marsch durch die historische Altstadt von Palermo geben Wissenschaftler den umherstehenden Teilnehmern und auch Touristen fünfminütige „Flash-Talks“, erklärt Organisator Giorgio Maone. Er hofft auf mehr Teilnehmer als im Vorjahr: „Es gab weniger als zehn Personen, die mitmarschierten“, sagt er – „aber mindestens 100 waren in Gedanken dabei“, ergänzt Maone. Nach dem Marsch gebe es eine Woche mit Satelliten-Ereignissen: So spielen Wissenschaftler-Bands, Seminare widmen sich Themen wie Bioethik, Impfungen oder künstlicher Intelligenz, und Kinder können kleine Experimente durchführen. Doch im Rest des Landes wird es wenig Aktivitäten geben: Mit einem Marsch in Rom wird es wohl nicht klappen, und für eine Demo in Florenz erwartet Organisatorin Nancy Bailey wie im Vorjahr nur gut 100 Teilnehmer.

Während in Luxemburg 2017 einige Teilnehmer sich beispielsweise als Barkeeper oder „verrückter Wissenschaftler“ verkleideten, müssen sie dieses Jahr in andere Städte ausweichen. In der ukrainischen Hauptstadt sind zwar gleichfalls kostümierte Demonstranten willkommen, doch wollen die Organisatoren dort gegen Klischees ankämpfen – wie dass Wissenschaftler grauhaarige Senioren sind, die langsam sprechen und viel Tee trinken. „Wir werden dieses Stereotyp ruinieren, indem junge, aktive, kreative und vergnügte Wissenschaftler auf die Straße gehen“, sagt Organisator Oleksiy Boldyriev.

Weltweite Aktion? Auf dem Globus bleiben Flecken

In Kiev werden auch Korruption und die Folgen der kriegerischen Auseinandersetzungen mit Russland Thema sein. „Die Regierungsausgaben sanken über mindestens vier Jahre – und Wissenschaftlern bleibt nur zwei Drittel oder sogar nur die Hälfte ihres Gehalts, das für Postdocs lediglich 120 Euro im Monat betragen kann“, sagt Boldyriev. In Regierungskreisen gebe es „absolut kein Verständnis“ dafür, dass Forschungsinstitutionen auch für moderne politische Entscheidungsfindung wichtig seien. Außerdem müsse Betrug in der Wissenschaft ein Ende bereitet werden – wie beispielsweise „falschen Wissenschaftlern“, die sich Fake-Titel kaufen. „Wenn wir dies nicht jetzt mit öffentlichem und internationalen Druck stoppen, werden wir in einem Land enden, in dem alle Forschungsdaten falsch und nicht vertrauenswürdig sind“, sagt er.

Auch seinem rumänischen Kollegen Octavian Micu brennen ähnliche Themen unter den Nägeln – er plant einen Marsch in Bukarest. „In Rumänien fördern Politiker oberflächliche und irreführende Bilder von Forschung und Wissenschaft”, sagt er: Sie stellten Wissenschaftler als seltsame Individualisten dar, die von den grundlegenden Problemen und Entwicklungen der Gesellschaft völlig entkoppelt sind. „Unsere Banner und Botschaften erklären, wie stark sich sowohl Grundlagenwissenschaft als auch angewandte Forschung auf unser tägliches Leben auswirkt.“

Zwar wird immer von „weltweiten Märschen“ gesprochen, doch bleiben auf dem Globus große Flecken. In Südamerika und Afrika werden jeweils nur eine gute Handvoll Märsche stattfinden, in Russland nur einer – und aufgrund der schwierigen politischen Situation in der Türkei oder China keiner. Und obwohl sich beispielsweise die New York University rühmte, Unterstützer der ersten Stunde zu sein, bezog sich dies nur auf die USA: Im vergangenen Jahr sah der Shanghai-Campus der Uni keine Demo, wie wohl auch dieses Jahr.

 

Überblick zu Deutschland: https://marchforscience.de/auch-in-deiner-stadt/