Vom Kopfnick-Syndrom in Uganda bis zur einzigen Psychiatrie Madagaskars: Franziska Badenschier erzählt, was sie auf ihrer Reise über „Afrikas vergessene Krankheiten“ erlebt hat und was Kollegen daraus lernen können. Ein Interview VON VOLKER STOLLORZ

Franziska Badenschier in Kiberia, Johannesburg, Südafrika (Foto: privat)

Franziska Badenschier in Kiberia, Johannesburg, Südafrika (Foto: privat)

Du hast für den Deutschlandfunk eine Themenwoche über vernachlässigte Krankheiten in Afrika recherchiert, also einmal nicht über Malaria und HIV berichtet, sondern die Slum-Krankheit Typhus, Kala Azar oder das Kopfnick-Syndrom. Warum wurde für Dich das Thema Medizin in Entwicklungsländern wichtig?

Weil ich es leid war, dass eine Zeit lang über jedes x-te Krebs-Gen und Warteschlangen in deutschen Praxen berichtet wurde, während zum Beispiel weltweit jeden Tag rund 2500 Menschen an Tuberkulose sterben und unzählige Menschen überhaupt keinen Arzt in ihrer Nähe haben. Und mit jeder Reise und jeder Recherche wird mir das Thema Medizin in Entwicklungsländern wichtiger: Wenn ich zwei Tage in Madagaskars einziger Psychiatrie für 22 Millionen Einwohner verbringe; oder wenn ich einen haitianischen Mann treffe, der seine Frau und seine fünf Kinder an Cholera verloren hat, die von Blauhelmsoldaten nach dem großen Erdbeben eingeschleppt wurde; oder wenn ich lese, wie viele Menschen an Typhus sterben, weil für diese einfach zu behandelnde Durchfallerkrankung einfache und zugleich präzise Testverfahren fehlen – dann lässt mich das als Mensch wie als Journalistin nicht kalt.

Kurz vor dem Sendestart Deiner Reihe erklärte die WHO im Juli die Ebola-Epidemie in Westafrika zu einem internationalen Gesundheitsnotstand. Plötzlich wollten Redaktionen wissen, ob der Ausbruch eine Pandemiegefahr für den Rest der Welt darstellt. Wie hast Du reagiert, als Du endlich einmal lange vor Ort über vernachlässigte Krankheiten Afrikas recherchieren konntest, die Redaktionen aber plötzlich vor allem Geschichten über den Angstfaktor Ebola hören wollten?

Einerseits dachte ich: Jetzt erst recht! Wenn gerade alle Welt nach Westafrika schaut und alle Medien über Ebola berichten, dann ist doch Aufmerksamkeit da und ein aktueller Aufhänger, um auch andere medizinische Probleme auf dem Kontinent vorzustellen. Von den Redaktionen, mit denen ich Kontakt hatte, haben das ein paar auch ähnlich gesehen. Andererseits habe ich auch einmal auf meine Exposés eine Rückmeldung bekommen à la: Wir haben gerade mehr als genug Medizin aus Afrika; für noch mehr ist kein Platz im Programm. Oder es hieß, Themen wie das Kopfnick-Syndrom sind zu speziell. Das finde ich natürlich schade – weil ich glaube, oder zumindest hoffe, dass die Leser und Hörer sich für mehr als nur für die Ebola-Epidemie interessieren.

Du warst sechs Wochen in Tansania, Uganda, Kenia und Madagaskar. Wie hast Du Dich auf diese Reise vorbereitet?

Die Vorbereitung hat genauso lange gedauert wie die eigentliche Reise: Anderthalb Monate lang habe ich von Deutschland aus Themen anrecherchiert; Interviewpartner und Organisationen angefragt; Hotels, Fahrer und Assistenten gesucht; eine mehr oder weniger flexible Reiseroute festlegt, Flüge gebucht und gleich wieder umgebucht. Außerdem habe ich mein Equipment aufgerüstet: noch mehr SD-Karten und Akkus, ein zweites Aufnahmegerät, ein zweites Mikrofon. In Nairobi ist ein Klinkenstecker für mein Aufnahmegerät kaputtgegangen und im Norden von Uganda gab es nur eine kleine Solaranlage, die nicht einmal dafür gereicht hat, Handy und Laptop einmal in drei Tagen aufzuladen. Da war ich froh, an Technik alles doppelt und dreifach mitgeschleppt zu haben.

Zur Person
Franziska Badenschier ist freie Wissenschaftsjournalistin mit den Schwerpunkten Vernachlässigte (Tropen-)Krankheiten, Public Health und Global Health. Im August 2014 lief im Deutschlandfunk ihre Themenwoche „Afrikas vergessene Krankheiten“. Dabei ging es unter anderem um Epilepsie und Psychiatrie, um Typhus und Antibiotika-Resistenzen sowie darum, was es mit dem Kopfnick-Syndrom in Ostafrika auf sich hat und wie neue Medikamente gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten entwickelt werden.

Und was ich immer versuche, vor und während solcher Recherchereisen: Kontakt zu Journalisten in den Ländern zu bekommen, um zum Beispiel nach Quellen zu fragen und um aus erster Hand zu erfahren, wie gerade die Sicherheitslage ist. Zum Beispiel war geplant, dass ich ein paar Tage im Norden von Uganda verbringe, wo zwei Jahrzehnte Bürgerkrieg war, und dann alleine mit einem Buschtaxi zurück in die Hauptstadt im Süden des Landes fahre – den Informationen des Auswärtigen Amts zufolge keine gute Idee. Ein ugandischer Kollege hat mir dann nur geschrieben: Kein Problem, du hättest sogar einen Sitzplatz für dich allein und einen Sicherheitsgurt, und es gebe so gut wie keine Checkpoints mehr. Das klang doch komfortabel und sicher. Da war ich von einer längeren Recherchereise in Madagaskar Anfang 2012 anderes gewöhnt.

Wie schützt man sich als Reporterin vor den Infektionskrankheiten, die in Afrika lauern können? Gibt es No-Gos?

Zunächst einmal war ich beim Tropen-Doc: Malaria-Prophylaxe, Schmerzmittel und ein, zwei Antibiotika organisieren und meinen Impfausweis checken. Diesmal habe ich mir sogar eine Cholera-Impfung mitgenommen – was zu Hause kurz für Unruhe gesorgt hat: Cholera in unserem Kühlschrank!? Zu sagen, dass das nicht schlimm ist, hat nicht so richtig gereicht.

Also habe ich die Schachtel mit der Schluckimpfung dann in eine Vorratsdose gepackt und einen Aufkleber draufgeklebt: „Hände weg!“ Dann noch eine größere Einkaufstour in der Apotheke: Kohletabletten, Magentropfen, Hustenbonbons, Augen- und Nasensalbe – und nicht zu vergessen: Desinfektionsmittel, das ich in eine kleine Pumpspray-Flasche umfülle und immer mit mir herumtragen kann – Handgel aus der Drogerie klebt und davon bräuchte man viel mehr, finde ich. Ich nehme auch immer eigene Nadeln, Schmetterlinge und Kompressen mit. Sicher ist sicher. Auf Reisen gilt dann der klassische Rat: Cook it, boil it, peel it – or forget it!

Checkliste für Sonderausrüstung: 10 Tipps und Tricks für Reisen in Entwicklungsländern

1) Technisches Equipment in doppelter und dreifacher Ausführung mitnehmen, v.a. Akkus, Kopfhörer, Speichermedien und Dinge, die leicht kaputt gehen, wie Filter für die Spiegelreflexkamera oder Klinken fürs Aufnahmegerät. Überlegen, ob ein Reise-Solarpanel sinnvoll ist, um in entlegenen, aber sonnigen Gebieten die Geräte wieder aufzuladen.

2) Taschenmesser und Stirnlampe nicht vergessen.

3) S-Karabiner und Sicherheitsnadeln in verschiedenen Größen sind prima, um z.B. Reißverschlüsse vor Langfingern zu sichern und Wäsche an einem Baum oder am Rucksack zum Trocken aufzuhängen.

4) Gleich nach der Ankunft eine Prepaid-SIM-Karte mit Internet-Option kaufen. Dann kann man, wenn man mal wieder auf dem Weg zu einem Termin im Stau steht, E-Mails bearbeiten etc. Und über die Hotspot-Funktion des Smartphones kann man dann immer und überall auch mit seinem Laptop ins WWW, wobei die Verbindung ist meistens auch besser ist als jene vom Hotel-WLAN.

5) In die Reiseapotheke lieber zu viel als zu wenig einpacken. Wer auf Gewicht und Volumen achten möchte oder muss, scannt die Beipackzettel ein und sammelt Tabletten, Cremes, Tropfen und Verbandsmaterial in verschiedenen Zip-Tüten.

6) Desinfektionsmittel in eine kleine Pumpspray-Flasche umfüllen. So kann man sich ständig die Hände desinfizieren, ohne eine große Flasche im Handgepäck/Tagesrucksack mitzutragen.

7) Seife in Mikroschnitt-artigen Blättchen besorgen. Wiegt so gut wie nichts, läuft nicht aus, passt in die Hosentasche oder ins Portemonnaie, und so kann man immer und überall mit ein wenig Wasser die Hände richtig waschen, sich duschen und sogar Wäsche reinigen.

8) Zu Hause Nüsse und Trockenobst in einer großen Zip-Tüte mischen und ein paar kleine Zip-Tüten mitnehmen, um den Snack dann als Tagesrationen für sich und ggf. die Weggefährten parat zu haben. Ist praktischer als Schokolade und Kekse und mitunter gesünder als der Snack vom Straßenrand.

9) Wassersäcke als Packhilfe nutzen. So lassen sich Klamotten und Technik vor Wasser, Staub und tierischen Besuchern schützen; und der Wäschestapel wird ordentlich komprimiert.

10) Eigenes Moskitonetz mitnehmen. Am besten eines, das man nicht aufhängen muss, sondern das wie ein Schlauch ist: Dann krabbeln auch keine Kakerlaken, Spinnen und andere Tiere ins Bett.

Was waren die schwierigsten Herausforderungen bei den Recherchen und Interviews?

Die waren vielfältig – Sprache, Organisation, Wetter und mehr. In Kenia zum Beispiel habe ich tagelang versucht, jemanden mit Antibiotika-Resistenzen aufzutreiben: Ich weiß nicht mehr, wie oft ich jemanden angerufen habe, um dann doch nur wieder eine neue Telefonnummer und einen neuen Namen gesagt zu bekommen. Schließlich habe ich mich einfach einen Tag lang auf dem Gelände des Nationalen Referenzlabors für Tuberkulose herumgetrieben und irgendwie haben es die Mitarbeiter dann geschafft, einen Mann kommen zu lassen, der eine multiresistente Tuberkulose und auch noch HIV hatte und bereit war, mit mir zu sprechen. Ein anderes Problem war das Übersetzen: Mit Französisch und Englisch bin ich nicht weit gekommen. Ich hatte aber auch keine richtigen Dolmetscher, so dass in den Interviews nicht immer klar war, ob meine Fragen und die Antworten gerade wirklich eins zu eins übersetzt wurden.

Und was auch immer wieder ein Thema war: Bakschisch. So mancher wollte Geld für das Interview oder auch nur für eine bestimmte Information. Zum Beispiel habe ich einmal zehn Minuten mit einem Dorfvorsteher gesprochen, um mich vorzustellen und Bescheid zu geben, dass ich zwei Familien mit einer Krankheit besuche und interviewe – das ist gerade in ländlichen Gebieten üblich und gebietet auch der Anstand. Der Mann wollte dann Geld von mir, als Lohn für seine Arbeit, mich zu empfangen. Dabei habe ich im Besucherbuch, in das sich jeder eintragen muss, bemerkt, dass ich in zwei Monaten gerade mal der dritte oder vierte Besucher war. Und ein interviewter Patient schrieb mir noch Wochen nach dem Interview mehrere E-Mails, ich solle doch bitte Geld schicken. Sicher, ein paar Euro zu geben, täte mir nicht weh. Trotzdem war ich mir jedes Mal aufs Neue unsicher, was nun richtig und was falsch ist – Medienethik in der Praxis sozusagen.

Ich habe in solchen Situationen immer versucht zu erklären: Ich bekomme hier Informationen, trage diese weiter, in der Hoffnung, dass in Deutschland oder anderswo Menschen oder Organisationen anfangen, sich für das Thema zu interessieren oder gar zu engagieren – und dann kommt was zurück, und zwar nicht nur zu dieser einen Person und auch nicht nur so viel, dass es für das nächste Essen oder eine Woche Medikamente reicht, sondern dass mehr Menschen etwas davon haben, nur halt erst später.

Gab es brenzlige Situationen vor Ort als Reporterin?

Wirklich gefährlich war die Reise nicht. Selbst im Norden von Uganda nicht: Ich war in dem Ort, aus dem der Rebellenführer Joseph Kony stammt; ein paar Kilometer entfernt war gerade ein Camp für Flüchtlinge aus dem Südsudan geöffnet worden – aber alles war ruhig. In Kibera hingegen, dem größten Slum von Nairobi, wurde ich mit Argwohn empfangen: Ich war gerade ein paar Meter hineingelaufen, auf dem Weg zu einem Krankenhaus im Slum, das die US-Gesundheitsbehörden CDC aufgebaut haben, als ein paar Männer kamen und anfingen zu diskutieren. Ich habe nichts verstanden, weil ich kein Kisuaheli kann, aber ich habe die Aufregung in ihrer Stimme gehört und böse Blicke bemerkt. Die kenianische Pressefrau von den CDC, die mit dabei war, hat dann vermittelt. Nach einer Weile durften wir dann weiter, aber diese Männer sind uns wie Aufpasser den ganzen Tag lang nachgelaufen.

Autorin-in-Kibera_Serie_DSC4931Wirklich brenzlig wurde es eigentlich nur ein-, zweimal und das auch eher in medizinischer Hinsicht: Im Norden von Uganda, wo ich einige Tage über das Kopfnick-Syndrom recherchiert habe, musste ich ein Interview in einem Auto führen, weil es draußen zu windig für Radio-Aufnahmen war. Es war mittags, mitten im afrikanischen Busch, kein Baum, kein Schatten, und das Auto war schwarz, die Fenster mussten zu bleiben, die Klimaanlage aus. Da habe ich das Interview zweimal unterbrochen, weil mir schwindelig geworden ist und ich kurz aussteigen musste.

Und auch wenn meine Reiseapotheke letztlich 600 Gramm gewogen hat – irgendetwas fehlt dann doch immer. Eine OP-Maske war es diesmal. Der Mann mit der multiresistenten Tuberkulose war noch infektiös, musste aber seinen Mundschutz abnehmen, weil man ihn sonst einfach nicht verstanden hat. Und das Nationale Referenzlabor, in dessen Hinterhof wir anderthalb Stunden ein Interview geführt haben, hatte für mich nur so einen ganz simplen Mundschutz parat. Wochen nach meiner Rückkehr hatte ich lange einen Husten – da habe ich mich schon gefragt, ob ich mich angesteckt hatte oder ob das nur von der Erkältung kam, die ich gerade hinter mir hatte.

Du vermeidest in Deinen Reportagen sprachliche Klischees über den „Schwarzen Kontinent“. Wie dominant waren diese beim Redigieren der Redakteure?

Die Redakteurin beim Deutschlandfunk, die meine zwei Halbstunden-Feature betreut hat, ist mit einem Afrikaner verheiratet. Insofern hat sie ein sehr feines Gespür für diese sprachlichen Klischees. Da habe ich sogar noch von ihr gelernt statt, dass mir in die Manuskripte Floskeln reinredigiert worden wäre.

Was müsste sich in den Wissenschafts-Redaktionen ändern, damit die Vor-Ort-Berichterstattung über die Medizin in Entwicklungsländern verstärkt zum Thema in deutschen Massenmedien wird?

Das Interesse für die Themen und die Finanzierung. Vernachlässigte Krankheiten in Entwicklungsländern haben mit unserem Alltag in Deutschland kaum etwas zu tun und wirklich erfahrbar werden sie eben erst durch die Recherche vor Ort. Das kostet Zeit und Geld. Ohne ein Recherchestipendium hätte ich dieses Projekt niemals realisieren können – aber letztlich wurden mir da auch nur die Unkosten erstattet, keine Tagessätze für die monatelange Recherche.

Du hast selber versucht, in Interviews und über soziale Medien auf Deine Themenwoche aufmerksam zu machen. Wie bist Du vorgegangen?

Während der Reise habe ich getwittert – für einen Blog hatte ich leider keine Zeit. Umso wichtiger war es mir, alle ein, zwei, drei Tage unter dem Hashtag #fbaontour kurz zu notieren, wo ich bin, wen ich getroffen habe, was mich gerade beschäftigt. Die Kollegen von Forschung Aktuell haben mich dabei auch immer unterstützt. Und kurz vor der Themenwoche haben der Deutschlandfunk und ich groß die Werbetrommel gerührt: mit einem Trailer, mit einer Seite im Programmheft, mit einer Sonderseite auf der Homepage vom Sender, mit einer Sound Slide Show mit Fotos von meiner Reise und wieder vielen Tweets.

Die Angst vor Ebola bleibt hierzulande größer als das Risiko. Du dagegen überlegst, ob Du vor Ort in Westafrika helfen könntest. Geht das für Journalisten: nicht hier berichten, sondern vor Ort aufklären?

Es gibt den Spruch: Man kann nicht verhindern, dass eine Epidemie ausbricht – aber dass daraus eine Pandemie wird. Also habe ich mich gefragt: Wo kann ich als Wissenschaftsjournalistin mehr bewirken, um die Ebola-Epidemie einzudämmen? Indem ich den Deutschen erkläre, warum ich keine Angst gehabt hätte, wenn ich neben dem New Yorker Patienten einen Tag vor seinen ersten Symptomen in der U-Bahn gesessen hätte? Oder indem ich in Westafrika zum Beispiel Lokaljournalisten helfe, angemessen und medizinisch richtig über Ebola zu berichten, oder eine Nichtregierungsorganisation bei der Pressearbeit und bei Aufklärungskampagnen unterstütze? Wenn ich also irgendwo helfen kann, es aber nicht tue: Das wäre dann doch so etwas wie unterlassene Hilfeleistung.


Volker StollorzDie Fragen stellte Volker Stollorz. Seit 1991 ist der Diplom-Biologe Wissenschaftsjournalist und arbeitet für überregionale Zeitungen und Magazine, Hörfunk und Fernsehen.